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Start News Saison 2016 2016-12-16 BNN

2016-12-16 BNN

Es geht um mehr Lebensqualität

Erste Bürgerwerkstatt zur Gesundheitsstrategie

Von BNN Redaktionsmitglied Thomas Dorscheid

Gaggenau. „Die Vision für Gaggenau ist, gegenüber dem statistisch zu erwartenden Trend, im Durchschnitt und mess- und nachweisbar für jeden Bürger ein gutes Jahr gesundes Leben dazuzugewinnen - nicht mehr und nicht weniger als einfach die Neujahrswünsche für ein Jahr tatsächlich in die Praxis umzusetzen." So lautet, formuliert von Professor Joachim Fischer vom Mannheimer Institut für Public Health, die Zielsetzung der mehrjährigen kommunalen Gaggenauer Gesundheitsstrategie „Ein gutes Jahr mehr".

Das Mannheimer Institut leitet und begleitet dieses Gaggenauer Zukunftsprojekt; am Mittwochabend kamen rund 30 Interessierte zu der ersten „Bürgerwerkstatt" in das Rathaus. In seiner Rede fasste Oberbürgermeister Christof Florus zusammen: „Es geht um mehr Lebensqualität heute und um eine bessere Gesundheit morgen." Die kommunale Gesundheitsstrategie betreffe alle Themen kommunaler Stadtentwicklung - von der Stadtplanung über die Bildung, den öffentlichen Raum bis hin zu den Bereichen Freizeit / Kultur und Energie / Umwelt / Natur.

In der nachfolgenden Bürgerrunde ging es im Wesentlichen darum, die Erwartungen, Wünsche und Ratschläge von Gaggenauer Bürgern mit Blick auf das angestrebte „Ein gutes Jahr mehr" einzuholen. Dabei kristallisierte sich das „soziale Miteinander" bereits als sehr wichtiger Aspekt heraus.

Die finanzielle Basis

Das Stuttgarter Wissenschaftsministerium finanziert für zunächst drei Jahre „das einzigartige Experiment" in Gaggenau" (Ministerin Theresia Bauer, Grüne) aus dem Etat „Sonderlinie Medizin" mit jährlich rund 350.000 Euro. Das Geld fließt im wesentlichen an das Mannheimer Institut für Public Health, an das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim und an das Institut für Arbeitswissenschaft und Versorgungsforschung an der Universität Tübingen. Insgesamt, schätzt Fischer, sollte das Projekt einen Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren aufweisen.

Die Statistiken

Bekannt sind aufgrund weltweiter Studien negative oder positive Auswirkungen von bestimmten Verhaltensweisen auf die Lebenszeit: Etwa „Mit dem Rauchen aufhören" (plus vier Jahre), „Mehr als zwei Glas Wein oder zwei Bier am Tag" (ein bis fünf Jahre weniger) oder „Früchte und Gemüse statt Fast Food" (plus vier Jahre). Die überwiegenden Ausgaben in unserem Gesundheitswesen, so Professor Fischer, der früher selbst als Kinderarzt tätig war, „betreffen die so genannten Zivilisationskrankheiten und ihre Folgen sowie die Folgen von psychischen Erkrankungen oder unklaren Beschwerdebildern, für die Mediziner heute noch keine einfache Erklärung finden können."

Auch ist der Fortschritt nicht für alle gleich. Ein weiteres Statistik-Beispiel: Männliche Hauptschulabsolventen haben heute in Deutschland durchschnittlich eine um mehr als 14 Jahre kürzere Lebenserwartung als Akademikerinnen. Die neueste Forschung zeige, so Fischer, „dass man damit nicht auf die Welt kommt, sondern eher in der frühesten Kindheit durch Genregulation das spätere Leben und die Merkmalsausprägung festgelegt wird."

Was ist neu?

Bei dem Gaggenauer Projekt soll es aber um deutlich mehr gehen als um die „Ermahnung und Angstmache klassischer Gesundheits- und Risikoaufklärung". Die Aufgabenstellung führt vielmehr aus der rein medizinischen Betrachtung heraus, richtet sich an die Politik und Unternehmen und viele weitere Verantwortungsträger - etwa die Repräsentanten in einer Kommune, die Kindergarten- und Schulleitungen, die Vorstände in (Sport)Vereinen und viele andere mehr. Kurz gesagt: Es geht um mehr Lebensqualität.

Hierzu Fischer: „Wir wissen wiederum aus der jahrzehntelangen Forschung..., dass mehr Lebensqualität und insbesondere das Mindern der sozialen Unterschiede in erlebter Lebensqualität als unvermeidbare Nebenwirkung auch mehr Lebenszeit ergibt - und dazu noch bessere Lebenszeit." Konkretes Beispiel: Bei älteren Menschen ist Einsamkeit der bedeutsamste Risikofaktor - wichtiger als Bluthochdruck, Fette und Rauchen zusammen.

Der weitere Weg

Zunächst geht es für das Mannheimer Institut um eine umfassende Bestandsaufnahme. Denn nichts wäre für die Wissenschaftler nach eigener Aussage peinlicher, als am Ende etwas vorzuschlagen, was es in der Stadt bereits gibt. So sind Ansatzpunkte die bereits bestehenden Aktivitäten, etwa die „Vitale Fabrik" im Mercedes-Benz-Werk Gaggenau mit ihren umfassenden Angeboten oder die weiterführenden Initiativen, die es in Kindergärten und Schulen bereits gibt.

Dann wollen die Wissenschaftler mit neuen, anderswo in der Welt aber schon erfolgreich eingesetzten Forschungsmethoden Daten in Kindergärten sowie Schulen (vierte und siebte Klassen) erheben, um daraus Maßnahmen für mehr gesundheitliche Lebensqualität entwickeln zu können.

Hinzu kommen eine Gesprächsrunde mit Schulleitern, eine repräsentative Stichprobe mit 800 Personen zu „Gesundheit und Umgebung", eine Bestandsaufnahme in Unternehmen und vertiefende Gespräche mit den Parteien.

Konkrete Vorhaben

Ein konkretes Vorhaben betrifft die Frühintervention bei Rücken und Psyche in Betrieben in Zusammenarbeit und unter Finanzierung der BKK Daimler und der AOK. Auch für Klein- und Kleinstunternehmen soll es Angebote geben.

Die Stadt Gaggenau könne auch, so Professor Fischer weiter, bei der aktuell anlaufenden Bäderdiskussion unterstützt werden: Das Institut könne Informationen liefern, was es an Forschung zu den gesundheitlichen Folgen etwa von Chlor oder Naturbad gibt und wie sich das konkret ausrechnet, auch gesundheitsökonomisch.


Waldseebad: „Schöner Ort zum Zusammenkommen“


Plädoyer fürs Waldseebad

Das Waldseebad etwa könne alleine durch seine Aufenthaltsqualität („Ein schöner Ort zum Zusammenkommen") einen Beitrag für mehr Lebensqualität bilden. Professor Fischer vom Mannheimer Institut: „Der gesundheitsfördernde Effekt entsteht weniger durch die Bewegung im Wasser, sondern durch das Bilden von ausreichenden Vitamin D-Vorräten in der Haut für den Winter. Wir haben in Mitteleuropa tendenziell vor allem im Frühling zu wenig Vitamin D im Blut und nichts ist besser, als das im Sommer und Frühherbst natürlich gebildete Vitamin D in der Haut. Damit geht nach übereinstimmender Forschungslage eine verbesserte Lebenserwartung einher."

Der „Fahrplan" für 2017

Im Frühjahr 2017 ist nach dem Auftakt am Mittwochabend die zweite „Bürgerwerkstatt" mit Bewertung der bis dahin vorliegenden Zwischenergebnisse geplant. Im Herbst 2017 ist dann ein umfassender Bürgerdialog vorgesehen.

www.bnn.de

Weitergehende Informationen auf der Internetseite der Stadt Gaggenau

 

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